Es Amunts – Ibiza

Der Norden von Ibiza ist Naturschutzgebiet. „Es Amunts“ zieht mit seiner wilden Schönheit alles an, was im Einklang mit der Natur sein will: altgewordene und junggebliebene Hippies, selbsternannte und studierte Heiler und Schamanen, Osteopathen und Reikimeister, Masseure, Yogalehrer, Gurus, Tänzer und Musiker, Veganer und Vegetarier. Sie alle lieben Es Amunts, diese ursprüngliche Landschaft mit bewaldeten Hügeln, Felsen und Feldern. Ich auch. Ich bin zwar ein Stadtkind, aber ich liebe die Natur über alles.

Es Amunts, Ibiza

Auf Ibiza besticht der Norden durch seine wilde Schönheit

Plötzlich ist das Leben wieder einfach und unmittelbar.

eine Strasse bei San Miguel, Ibiza

Morgenspaziergang bei San Miguel, Ibiza

Rosmarin, Thymian und Pinien

Sieben Kilometer Morgenspaziergang. Die Luft ist kühl, feucht und voller verlockender Düfte. Der wilde Knoblauch blüht gerade in zartem Rosa, Rosmarin, Thymian und Pinien verströmen ihr Parfum. Ich komme vorbei an knorrigen Olivenbäumen und wilden Johannisbrotbäumen. Die Mandelbäume tragen bereits erste Früchte, noch grün, und die Orangen und Zitronenbäume protzen mit reifen Früchten in knalligem Orange und Gelb.

Eine Weile geht es auf einem kleinen Pfad durch den Wald, den Berg hinauf, über Felsen und kleine, dunkelblaue Orchideen, die sich an ihnen festhalten. Immer wieder gehe ich an den traditionellen Steinmauern vorbei, ab und zu ein Gehöft, typisch ibizanisch, weiß gekalkt und kubisch. Einige liegen da, als hätte die Uhr vor einigen Jahrhunderten aufgehört zu ticken: ein Steinhaus, ein Brunnen, ein Dreschplatz. Drum herum Bäume und Felder.

kleine Gehöfte auf dem Weg

meine Unterkunft

Gelbe Ringelblumen blühen prächtig auf ausladenden grünen Wiesen, manchmal steht mittendrin ein knorriger, uralter Olivenbaum, trotzig, wie bestellt und nicht abgeholt. Die Bauern pflügen um den Baum herum.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

Einen alten Baum verpflanzt man nicht.

 

Manches Feld, gerade gepflügt, macht mit seiner tiefroten aufgewühlten Erde dem hellen Frühlingsgrün der Nachbarwiese Konkurrenz. Darüber wölbt sich ein sattblauer Himmel über den der Wind weiße Wolkenfetzen treibt.

Die rote Erde: typisch Ibiza

rote Erde: typisch Ibiza

Eine gute Stunde spaziere ich so, die Sinne weit geöffnet, staunend und fast andächtig durch die Landschaft und werde mit jedem Schritt ein bisschen lebendiger. Ja, das Leben kann so einfach sein. Am Ende des Weges sammele ich noch ein bisschen Holz, getrocknete Pinienzapfen, Baumrinden und kleine Äste zum Feuer machen für den Ofen.

 Allein in bester Gesellschaft

Abends bin ich verabredet zum gemütlichen Beisammensein in der Stube, und zwar mit mir. Ich werde etwas kochen, einen Flasche Wein öffnen, in das Feuer schauen und auf das Leben anstoßen. Mehr gibt es nicht zu tun. Bin ich jetzt ein Hippie?

Wein, Essen, Kamin

Wein, Essen, ein feuer im Ofen…was brauche ich mehr?

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Es regnet. Er trommelt auf das Dach und rauscht in den Bäumen. Gierig nehmen Büsche und Bäume, ihre in diesen Tagen erwachenden hellgrünen Knospen und Blüten die Nässe auf und danken es mit einem Duft, der die Luft mit holzigen und blumigen Parfums benebelt.

mein Zimmer in einer Finca

mein Zimmer in der Finca

Ich liege noch im Bett, blicke hoch zu den Holzbalken der Decke und frage mich, ob das wohl dichthält. Es ist gemütlich in meinem kleinen Zimmer mit den rustikalen, unverputzten Steinwänden. Es stört mich nicht, dass es regnet.

Im Kontakt mit der Natur

Ich habe in diesen Tagen Kontakt mit der Natur aufgenommen. Ich habe wilden Knoblauch probiert, Borretschblüten gegessen und Rosmarin für die Küche mitgenommen. Kirschblütenbäume, Mandelbäume, Pinien und Oliven, Feigen und Orangenbäume, sie alle flüsterten mir zu: ‚Schön wäre es, wenn es ein wenig regnete, denn wir müssen mit dem auskommen, was es im Frühling niederschlägt. Dann folgen viele Monate der Trockenheit.’

üppige Blütenpracht auf Ibiza im Winter

üppige Blütenpracht auf Ibiza im Winter

Einmal bin ich auf einer Lichtung stehen geblieben und machte ein paar Yogaübungen im Stehen. Als ich im „Baum“ stand, eine Position, wo man auf einem Bein steht, das andere angewinkelt und die Arme zum Himmel gestreckt, stellte ich mir vor, ich sei tatsächlich einer dieser Bäume. Ich suchte mir eine ziemlich schräge Pinie aus und nahm die gleiche Position ein, reckte den linken Arm analog zu seinem hervorstechendsten Ast nach schräg unten und den rechten steil nach oben. Stellte mir vor, wie aus meinen Füßen Wurzeln in das Erdreich wachsen.

 

Spazierweg in der Nähe von San Miguel

die Natur freut sich wenn es regnet

Wie ist das Leben als Baum?

Wie ist es, morgens bei Sonnenaufgang hier zu stehen und nur diesen einen Blickradius zu haben, immerzu, den ganzen Tag, bei Kälte und Hitze, bei Regen und Sonne, immer nur diesen Wirklichkeitsausschnitt, ein ganzes Leben lang. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Jahr für Jahr. Die Pinie kommt auf 200 bis 250 Jahre. Der älteste Olivenbaum ist 4000 Jahre alt.

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Ich stand eine ganze Weile so, atmend und Kontakt aufnehmend mit den umliegenden Bäumen und Pflanzen. Je länger ich stand, desto vielfältiger wurde das, was in meinem Blickfeld lag. Ich entdeckte immer mehr Details, die mir zuvor verborgen geblieben waren: Hier eine winzige Orchideenblüte am Boden zwischen den Gräsern, dort ein Baumstamm, der ein Gesicht zu haben schien, unendlich viele verschiedene Grüntöne um mich herum. Und der Boden war nicht mehr einfach eine Fläche, es war ein Reich, ein Erdreich, mit Bergen und Tälern, Schluchten und Senken, eine ganze Landschaft zu meinen Füßen, nie gesehen, obwohl ich täglich hier vorbei gegangen war. So also fühlt sich Stillstand an, so bewegt und detailreich, ein Mikrokosmos, wo alles mit jedem verbunden ist, so also fühlt sich Leben an, wenn wir es zulassen, wenn wir hinein horchen, wenn wir selbst zum Baum werden.

Auf Ibiza ist Regen Mangelware

Auf Ibiza ist Regen Mangelware

Den Regen schätzen

Auf Ibiza ist Regen Mangelware. Ab April regnet es monatelang nur noch Touristen, rund vier Millionen in einer Saison. Sie duschen nach dem Aufstehen und vor dem Essen, sie planschen im Pool, trinken Tee und Kaffee, sie wollen frische Bettwäsche, möglichst täglich, pikobello gewaschene Leihautos und schöne grüne Gärten, die zwei Mal täglich gewässert werden. Der Grundwasserspiegel sinkt rapide und jetzt wird es eng für alle, die nicht am öffentlichen Wassersystem hängen. Also vor allem für die, die auf dem Land leben. Die Bauern und die Hippies. Wenn es lange nicht geregnet hat lassen die Hippies Schamanen kommen, führen Rituale durch, tanzen und trommeln. Die Bauern lächeln, Hauptsache es hilft, denken sie. Und wenn es dann regnet freuen sie sich gemeinsam.

Auch ich kann mich über den Regen freuen,  jetzt wo ich „Baumerfahrung“ habe. Hoffentlich hält die Freude an, denke ich, dann stehen mir wahrhaft glückliche Zeiten in Deutschland bevor.

 

 

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