Ein Angsthase auf Reisen

Es gibt Menschen, die haben Nerven wie Drahtseile und dann gibt es solche wie mich: vorsichtig, schreckhaft und oft ängstlich. Ich sag es nicht gern, aber im Grunde bin ich ein Angsthase. Früher war mir das peinlich, inzwischen pfeife ich drauf. Heute sehe ich das so: es gibt Dicke und Dünne, Große und Kleine, Stoische und Nervöse. Die einen sind nicht besser als die Anderen, nur eben anders. Ängstliche Menschen sind oft besonders sensibel. Sie haben ein zartes, schnell reagierendes Nervenkostüm. Das hat viele Vorteile aber eben auch Nachteile. Hörst du den Einbrecher schon bevor die Scheibe zu Bruch geht? Zuckst du zusammen wenn ein Auto eine Fehlzündung hat, suchst du gar Deckung und wirfst dich hinter die Mülltonne? Dann gehörst du auch zur zweiten Sorte. Mach dir nichts draus. Solange du dich nicht davon beherrschen lässt ist alles gut. Und je mehr du dich traust, trotz Angst, desto mutiger wirst du.

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Manche haben Nerven wie Drahtseile – andere nicht

Mut heißt nicht, keine Angst zu haben. Mutig ist, wer seine Angst überwindet.

Nach meiner letzten Reise wurde ich oft gefragt ob es nicht gefährlich sei, als Frau allein durch Mexico zu reisen. Ja ist es. Aber nicht wegen Mexico. Und nicht weil ich eine Frau bin oder weil ich allein reise.

Das Leben an sich ist gefährlich. Überall und jederzeit kann es zu Ende sein. Deshalb aber bloß nicht zu Hause bleiben! Denn da passieren die meisten tödlichen Unfälle!

Umgehen mit Furcht und Angst

Es hilft, sich das immer wieder klar zu machen. Angst zu haben ist keine Schande. Auch unterwegs gibt es Situationen, die uns brenzlig erscheinen und mitunter die Haare zu Berge stehen lassen. Der Busfahrer hat eine Alkoholfahne? In deinem Schuh sitzt ein Skorpion? Der Taxifahrer bremst nur mit der Handbremse? Der Polizist mit dem Maschinengewehr guckt finster? Der Bus hat Verspätung und spuckt dich mitten in der Nacht im Rotlichtmilieu aus? Oder sein Reifen ist mit einem lauten Knall geplatzt und er steckt im Graben fest? Wir fürchten uns.

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Furcht hat einen realen Auslöser während Angst nur ein diffuses Gefühl ist. In beiden Fällen steigt der Puls, wir fangen an zu schwitzen, bekommen Herzrasen. Das vegetative Nervensystem spielt verrückt. Ein uralter Reflex bringt unseren Sympathikus auf Hochtouren. Er steigert die Herztätigkeit und den Blutdruck, erweitert die Bronchien und stellt Energie durch den raschen Abbau von Kohlehydraten bereit. Alles nur damit wir ganz schnell vor dem Säbelzahntiger flüchten können. Weil es den aber gar nicht mehr gibt und wir bald verstehen, dass wir gar nicht flüchten müssen tritt der Parasymphatikus in Aktion. Er gibt Entwarnung und regelt alle Körperfunktionen wieder runter. Menschen mit zartem Nervenkostüm werfen den Symphatikus schneller an und die Korrektur durch den Gegenspielernerv dauert länger. Das passiert natürlich alles unbewußt.

Runterkommen mit Atemtechnik

Gaaaanz ruhig. Tief durchatmen. Am besten in den Bauch. Es gibt aber noch eine andere Möglichkeit wie du bewusst und kontrolliert den Parasymphatikus regulieren kann. Die Übung ist denkbar einfach. Du atmest durch die Nase doppelt so lang aus wie ein. Simpel, oder? Ich habe die Übung schon oft angewandt. Zum Beispiel als ich eine Nacht im Zelt mitten im Urwald verbracht habe und um mich herum alle möglichen Alphatiere brüllten und sich zofften. Oder als ich ein richtig krasses Gewitter auf 5000 Meter über dem Meeresspiegel erlebt und angesichts dieser Naturgewalt vor Angst gezittert habe.

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die hohe Kunst sich selbst zu beruhigen kann man lernen

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Und so geht es: beim Einatmen bis 4 zählen, dann langsam auf 8 ausatmen. Auf diese Weise 5 Minuten lang atmen, dann dürfte der Puls wieder normal sein und die Angst vertrieben. Das heißt dann nicht unbedingt, dass man unter den krachenden Donnerstößen und grellen Blitzen sanft in den Schlaf gleitet aber zumindest kann man so alle Körperfunktionen wieder in den Normalmodus bringen und verhindern, panisch zu werden.

1-2-3-4 einatmen und 1-2-3-4-5-6-7-8 ausatmen

Noch mehr Tipps und Tricks findest du in meinem Buch

Das größte Risiko in Mexico

Zurück zu Mexico. Das größte Risiko während einer Reise durch Mexico ist wahrscheinlich, sich den Fuß zu brechen oder zu verstauchen. In kaum einem anderen Land habe ich so viele Touristen mit Krücken und Gipsen gesehen. Auch mich hat es mit einem Bänderriss erwischt. Woran es liegt? Wir sind an begradigte Treppen, genormte Stufen und gekennzeichnete Stolperfallen gewöhnt. In Mexico hingegen ist die eine Stufe klein, die nächste groß und krumm sind sie alle. Die Bürgersteige sind manchmal 30 cm hoch. Doch damit nicht genug, weisen sie oft Löcher auf, die gerne mal 1 Meter tief sind. Und schwups ist man rein gefallen.

Leidensgenossin in Mexico San Cristobal. Meinen Fuß habe ich in Mexico Tulum verstaucht

Andererseits: es gibt Schlimmeres als an einem schönen Strand zur Zwangspause genötigt zu werden. Ansonsten,  immer schön gucken wo du hintrittst. Dann kann in Mexico eigentlich nichts passieren. Außer du verliebst dich. Aber das kann ja überall passieren.

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Zwangspause in Tulum und erste Strandspaziergänge mit dem improvisierten Krückstock

2 Gedanken zu „Ein Angsthase auf Reisen

  1. yourneys

    Schöner Text!

    Ich bin leider auch eher Sorte „Angsthase“. Nicht so sehr am Tag aber dafür wird es nachts oft fies. Die Vorstellung, dass ich im Schlaf keine Kontrolle hab und „hilflos“ bin (was natürlich nicht so ist; wir sind ja schon aufnahmefähig. Juckt mein Gehirn aber leider nicht), macht mich in zwielichtigen Gegenden oder in der Nähe giftiger Tiere verrückt…
    Ich hab letztens auch darüber geschrieben und 12 Tipps dazu aufgeschrieben, die ich entweder selbst nutze oder von anderen Reisenden hab: https://www.yourneys.de/tipps-gegen-aengste-auf-reisen/

    Der Atem-Tipps klingt übrigens super! Und so simpel. Ich werde das beim (hoffentlich nicht so schnell kommenden) nächsten „Angst-Anfall“ gleich anwenden 🙂

    Liebe Grüße
    Laura

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. akapacha Autor

      Hallo Laura,
      der Atem-Tipp ist wirklich sehr einfach und am besten ist es wenn man es schon mal im Alltag übt, also bevor die Angstattacke kommt. Es hilft auch sehr beim Einschlafen. Also, am besten regelmässig üben. Wenn dich das interessiert, unter Stichwort „pranayama“ gibt es noch mehr Atemübungen. Dazu mache ich demnächst auch noch mal einen Blogpost. Liebe Grüße Gitti

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      Antwort

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