Zwischen den Welten: mit der Seilbahn in La Paz

Als ich zum ersten Mal dieses großartige Stück Technik, die Seilbahn von La Paz, bestaune, stehe ich in der Warteschlange und frage mich: wieso muß ich bis nach Bolivien reisen um mich von moderner Stadtverkehrsplanung beeindrucken zu lassen? Und dann habe ich ein Dejà vù. Verdammt, hier, genau vor dieser Kulisse, bin ich 1980 zum ersten Mal angekommen in dieser unglaublichen Stadt, die sich auf 4000 Meter Höhe befindet und sich zwischen Schluchten und Tälern einschmiegt. Und damals war von öffentlichem Nahverkehr noch keine Rede. Nirgendwo.

Seilbahn von La Paz

Seilbahn von La Paz, auf dem Weg nach El Alto

Gestern alte Eisenbahn, heute moderne Seilbahn

1980 war die heutige Seilbahnstation der Bahnhof von La Paz. Der Zug hat eine Dampflock und kam aus Potosi. Er war die ganze Nacht über die mondscheinbeschienene Hochebene der Anden gefahren, um dann in El Alto- dem oberen Stadtteil von La Paz,- den Berg hinunter zur Innenstadt zu tuckeln. Von oben nach unten dauerte es eine Stunde. Weil die Schienen keine Kurven hatten fuhr der Zug vor und zurück, vor und zurück. Im Zickzack. Deshalb.

Der ehemalig Eisenbahnhof ist heute Seilbahnstation

Der ehemalig Eisenbahnhof ist heute Seilbahnstation

Und jetzt? Ist der Bahnhof nur eine Station von vielen, Teil des größten städtischen Seilbahnprojektes der Welt. Inzwischen gibt es 5 Linien und 20 Stationen. Es funktionniert wie eine Metro, nur eben nicht unter der Erde sondern über den Dächern.

Sie soll nicht nur das arme „El Alto“ von oben und das reiche „La Paz“ von unten verbinden sondern auch die sozialen Klassen zusammen führen. Geduldig hintereinander aufgereiht warten Bauern in ihren traditionellen Ponchos, Anwälte in Anzügen und Krawatten, Hausfrauen mit großen Sonnenbrillen und hochhackigen Schuhen neben den indigenen „Cholitas“ mit ihren bauschigen Röcken und melonenartigen Hüten. Die Sonne brennt vom tiefblauen Andenhimmel auf meinen hutlosen Kopf. Ich reihe mich geduldig ein in die bunte Schlange.

Schutz durch die Berggötter – und Technik aus Österreich

modernes Transportmittel

modernes Transportmittel aus österreichischer Hand

Ein alter, gehbehinderter Mann mit Poncho hat sich hinter mir aufgestellt. Er kommt vom Land und wollte ein paar Sachen im „El Alto“ einkaufen. Da hat er von der Seilbahn gehört und will es unbedingt ausprobieren. „Haben Sie keine Angst?“ frage ich ihn auf Aymara, der Sprache der Ureinwohner. Er lacht: „Warum soll ich Angst haben“, sagt er und zeigt auf die schneebedeckten Gipfel der Anden, „siehst du die Tatas nicht, die Götter, die auf den Bergen wohnen? Die werden mich beschützen.“ Nicht nur die Götter stehen dem alten Mann bei, auch ein Polizist nimmt sich seiner an. „Kommen Sie mit mir, ich bringe sie gleich zum Gondeleinstieg,“, sagt er und der Alte zwinkert mir zu. Selbst wenn die Götter da nachgeholfen haben sollten: aus der Facebookkampagne weiss ich, dass Alte, Schwangere, Frauen mit kleinen Kindern und Behinderte nicht warten müssen. Sie dürfen die Aufzüge nutzen und haben direkten Zugang zu den Gondeln.

Aymara sind innovationsfreudig

Aymara sind innovationsfreudig

El Alto liegt 4000 Meter über dem Meerespiegel. Über 90% seiner Einwohner sind Aymara und Quechua, also indianischer Herkunft. Die Stadt wächst mit atemberaubender Geschwindigkeit. Die reichere, weil klimatisch attraktivere Stadt La Paz mit Regierungssitz, kommerziellen Zentrum und den Wohnvierteln der Mittel-und Oberschicht befindet sich darunter liegend in einem zerklüfteten Kessel mit schwindelerregenden Schluchten und zahlreichen Nebentälern. Ein Topografie, die den Bau von Strassenbahnen oder Metro praktisch unmöglich macht. Aber wie prädestiniert ist für ein Seilbahnsystem. Evo Morales Ayma, Präsident von Bolivien und selbst Aymara aus einfachsten Verhältnissen will diese Welten zusammenfügen. Mit einem Seilbahnsystem, das er zur Chefsache erklärt hat und mit dem er bei der Bevölkerung punkten kann.

eine kleine Auszeit zwischen den Welten

eine kleine Auszeit zwischen den Welten

Cholitas und Anwälte staufrei zwischen den Welten

Zusammen mit sieben anderen Passagieren besteige ich die Gondel. Als Skifahrerin ist das Gondelfahren nicht neu für mich aber alle anderen Mitreisenden fahren zum ersten Mal. Francis, ein Cholita, hat ihren traditionellen bunten Awayu, mit dem die Aymarafrauen Lasten auf dem Rücken tragen, auf dem Schoss deponiert und klammert sich an ihn. Die Gondel schwebt aus der Station und unter uns tut sich ein Meer an Häusern und verwinkelten Strassen auf. Francis ruft noch schnell die Götter an und bittet um ihren Schutz „Ay tata Illimani, Pachamama cuidennos en este viaje“  betet sie. Als die Gondel dann ruhig und gleichmäßig mit 18 kmh dem Himmel entgegenschwebt entspannen sich ihre Gesichtszüge.

Fotos werden gemacht, die Namen der überschwebten Stadtviertel aufgezählt, Strassennamen geraten. Auch ich erkenne einige Viertel aus früheren Besuchen wieder. Wie oft habe ich mich in den Neuniziger Jahren zu Fuß hoch gequält wenn die Chauffeure der Kleinbusse und Taxen streikten. Fast drei Stunden war ich für den Weg bergauf unterwegs. Jetzt liegen die steilen Strassen, die ich damals keuchend erklommen habe, unter mir. Es tost der Verkehr, Stossstange an Stosstange reihen sich russende Kleinbusse und schrottreife Kollektivtaxen, die noch nie einen TÜV gesehen haben. Alle sind in privaten Händen. Öffentlicher Nahverkehr: bis auf wenige staatliche Busse Fehlanzeige.

Mutter und Sohn geniessen die Fahrt

Mutter und Sohn geniessen die Fahrt

Eine Auszeit über dem Verkehrschaos

Leise dringt das Konzert von Hupen und Motoren zu uns hoch. Ich schaue zurück und blicke auf das gigantische Häusermeer mit dem schneebedeckten Illimani im Hintergrund. Es gefällt mir, es ist wie eine Auszeit, dieses Schweben über dem Verkehrschaos. Auch meine Mitfahrerin Francis ist inzwischen ganz entspannt. Sie lacht und scherzt, wie lange die Seile wohl halten werden und wie es wohl wäre wenn man bei Stromausfall genau über dem Friedhof anhalte und dort übernachten müsse. Ob dann wohl die Seelen der Verstorbenen nicht auch in der Seilbahn Platz nehmen wollten?

unten tobt der Verkehr

Blick aus der SEilbahn: unten tobt der Verkehr

Das mit den Seelen kann ich ihr nicht beantworten. Aber das mit dem Stromausfall. Dafür gibt es Dieselgeneratoren, die das System unabhängig zweieinhalb Stunden lang mit Strom versorgen können. Zeit genug also, die Passagiere sicher zur Station zu bringen. Und überhaupt: Die, die die Seilbahn bauen sind Österreicher und haben’s voll drauf. Doppelmayr baut nicht nur die Kabinen sondern ist für das gesamte System zuständig…inklusive Wartung. Francis ist endgültig beruhigt und als unsere Gondel nach 10 Minuten Fahrt wohlbehalten in die Station „El Alto“ einfährt lacht sie und sagt: „Das war toll, das will ich öfter machen!“

 

 

 

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