Raus aus der Komfortzone

Als ich mir nach 35 Jahren ein Herz gefasst habe und erneut mit dem Rucksack losgezogen bin war mir ganz schön mulmig, Zweifel plagten mich. Erst im Flugzeug fühlte ich mich wieder leicht und frei, lachte innerlich: Juchhu, ich hab es getan!

Die eigene Grenze spüren

In Montevideo kehrte ich dann zum ersten Mal in ein Hostel ein, und schwups war sie wieder da, die eigene innere Grenze, die Scheu und Unsicherheit, die es zu überwinden galt. Freunde hatten verständnislos mit dem Kopf geschüttelt: Da sind doch nur Kids, so alt wie dein Sohn. Na und? Ich liebe Kinder, mein eigenes, mein inneres und alle anderen auch. Aber nun fragte ich mich: Werden sie mich akzeptieren, diese jungen Leute? Oder sagen sie: »Ey krass, guck mal die Alte, was will die denn hier?«

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Wer ist die innere Stimme?

Sie ist unser ärgster Kritiker und Kind zugleich.  Der Hamburger Psychologe Tom Diesbrock sagt dazu: „Er [oder es] gehört zu unserer Persönlichkeit, hat die Psyche eines kleinen Kindes, das große Ängste hat und schon sehr früh in unserem Leben entstanden ist. Es will ungestörte Geborgenheit ohne jede Veränderung und ohne jedes Risiko“. Es ist die Stimme aus der Kindheit, die mit dem erhobenen Zeigefinger spricht: Was sollen denn die Leute denken! Das schaffst du eh nicht! Mit diesen Sprüchen sind wir Baby-Boomer groß geworden. Unsere Eltern haben als Kinder den Krieg erlebt. Chaos und Elend. Dann Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Schrankwände mit integrierter Bar. Das Auto blank geputzt, der Garten wohl gestutzt. Nichts sollte mehr die Idylle trüben. Bloß keine Unruhe, nur nicht Anecken.

Unser innerer Kritiker arbeitet mit aller Kraft daran, uns in der Komfortzone zu halten und appelliert dabei an unsere Ängste. Und die haben häufig etwas mit unserem sozialen Umfeld zu tun. Unser Gehirn ist ganz verrückt nach Anerkennung. Im Umkehrschluss heißt das auch: fehlende Anerkennung und Ausgrenzung demotiviert uns. Wir versuchen, das zu vermeiden. Der Wunsch nach Anerkennung oder die Angst, diese zu verlieren, kann uns also in unserer Komfortzone gefangen halten.

Wer Neues wagt, geht stets auch ein Risiko ein. Egal ob beim ersten Versuch Schlittschuh zu laufen oder bei der ersten Rucksackreise seit 4 Jahrzehnten. Unsere Angst, uns zu blamieren, ist groß und hat einen Namen: Spotlight-Effekt. Er beschreibt das Phänomen, dass wir glauben, alle Aufmerksamkeit auf uns lenken, wenn uns ein Missgeschick passiert. Die gute Nachricht: Wir neigen dazu, die Aufmerksamkeit anderer für unsere Fehltritte deutlich zu überschätzen.

 

Willkommen im Neuland

Und so zeigte sich auch in meinem Beispiel: meine Ängste waren völlig unbegründet. Als sei es das Normalste der Welt, wurde ich herzlich begrüßt, von Jung und – Überraschung – Alt. Neben mir wohnten noch ein Mittsechziger aus München und 2 Fünfzigjährige aus Argentinien im Hostel. Mit Menschen unterschiedlichsten Alters und aus allen möglichen Ländern kochten wir gemeinsam in der Küche oder saßen bei Wein und Bier auf der Dachterrasse zusammen. Unterschiedliche Sprachen, Gewohnheiten (!) und Berufe. Ein Mix aus allen sozialen Schichten. Der spanische arbeitslose Auswanderer, der in Uruguay sein Glück sucht, die deutsche Studentin auf dem Weg in ein Freiwilliges Soziales Jahr, der vegane Hippie aus Argentinien, die Musiker aus London, eine Professorin aus Brasilien, der überarbeitete Bayer. Ein kunterbunter Mikrokosmos, erfrischend und bereichernd.

Mehr über meine Hostelerfahrungen findest du hier.

Altes verabschieden, Neues begrüßen

6 Wochen lang bin ich durch Südamerika getourt. Der Rucksack war mir bald vertraut, die Unsicherheit der ersten Tage fast verschwunden. Es dauerte nicht lange und ich fühlte mich in den fremden Straßen von Uruguay ähnlich sicher wie in Bonn. Auch das Ankommen in neuen Hostels verlor bald seinen Schrecken. Ich lernte viele interessante Menschen kennen, sammelte Stoff für neue Reportagen und hatte eine Menge neuer Ideen.

Ich hatte meine Komfortzone erweitert und zudem manch schlechte Angewohnheit hinterfragt und sogar abgelegt, z.B. die Schokolade am Abend oder das Brötchen am Morgen. Es ist mir nicht einmal schwergefallen. Noch so ein Geheimrezept: Ändert sich der Kontext, unsere Umgebung, fällt es uns leichter, alte Gewohnheiten aufzubrechen.

5 Dinge, die ich dazu gewonnen haben

  1. Ich habe mehr Möglichkeiten, weil meine Komfortzone größer geworden ist.
  2. Ich habe Ängste überwunden und mehr Selbstvertrauen. Wenn mein innerer Kritiker mich mit »du kannst das nicht« ausbremsen will, antworte ich ihm »ich schaffe das«.
  3. Ich bin flexibler und kann gelassener auf Unerwartetes reagieren. Einfach, weil auf einer Reise mehr Unerwartetes passiert, als daheim und ich mich darin üben kann, Dinge so zu nehmen, wie sie sind.
  4. Zurück in der Komfortzone weiß ich all die Annehmlichkeiten, die mich dort erwarten, mehr zu schätzen. Ich lebe bewusster und bin dankbar für sauberes Trinkwasser aus dem Hahn, für die heiße Dusche zu jeder Zeit, für den geregelten Autoverkehr, für die Sicherheit auf der Straße und für vieles mehr.
  5. Ich habe mein Gehirn auf Trab gebracht. Eine der wenigen wissenschaftlichen Studien zum Lernen außerhalb der Komfortzone hat die amerikanische Verhaltensforscherin Denise Park durchgeführt: Sie ließ eine Gruppe älterer Menschen innerhalb der eigenen Komfortzone gemeinsam mit anderen Menschen einfache, wenig anspruchsvolle Tätigkeiten machen (z.B. kochen, spielen und Filme schauen) und eine andere Gruppe etwas völlig Neues erlernen (z.B. digitales Fotografieren). Nach 3 Monaten schnitt die zweite Gruppe in einem Gedächtnis-Test deutlich besser ab.

Wenn du nicht gleich ins kalte Wasser springen willst, kannst du auch zu Hause lernen wie man Schritt für Schritt die Komfortzone erweitert. Dazu mehr im nächsten Blogpost

Update: Und hier ist der versprochene Artikel mit den Übungen

 

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2 Gedanken zu „Raus aus der Komfortzone

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