Die Nordsee kann auch anders

„Ach Kind, du bist ja ganz blaß. Fahr doch mal an die Nordsee,“ riet mein Oma oft wenn ich mit dunklen Ringen unter den Augen Sonntags an ihrem Küchentisch saß. Für meine Oma aus Köln war die Nordsee der Inbegriff von Gesundheit. Für mich war es das Pseudonym für Langeweile. Es war der Ort wo Menschen behaupteten es gebe kein schlechtes Wetter sondern nur schlechte Kleidung. Der Ort der dummen Sprüche.

Rang eins: Spazieren im Regen bringt Gesundheit und Segen.

Rang zwei: Abhärtung ist das halbe Leben.

Sankt Peter Ording Nordsee

Gute Luft an der Nordsee

Für mich war die Nordsee schlechtes Wetter plus dumme Sprüche über das Wetter. Ein Ort, den alte und kranke Menschen besuchen weil sie glauben durch schlechtes Wetter wieder gesund zu werden. Als Kind war ich einmal dort in Kinderkur. Das war öde. Heimweh unter grauem Himmel. Und nein, ich bin auch nicht gesünder zurück gekommen. Danke, die Nordsee konnte mir gestohlen bleiben.

Nordseeluft ist ja so gesund! Echt jetzt?

An einem runden Geburtstag beschließe ich, meine Vorurteile, die sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt haben, zu überprüfen. Punkt eins: Nordsee. Der Zug hat mich an der Küste ausgespuckt wie welker Salat: benommen, zerknittert und schläfrig. Nun stehe ich am Bahnhof mit Regenjacke, Gummistiefel und Mütze. Aber es regnet gar nicht. Der Himmel ist blitzblau und die Luft, die ich schneidend scharf und rau als Reizklima in Erinnerung hatte, ist weich und samtig.

Sankt Peter Ording bei Ebbe

Sankt Peter Ording bei Ebbe

Ich habe einmal in einer Regentonne gebadet. Das Wasser war unvorstellbar weich. Es fühlte sich an, als sei ich in Watte gepackt. Das Gleiche empfinde ich jetzt mit der Nordseeluft. Nur von innen. Ich bin von innen in Watte gepackt. Atme Watte ein, atme Watte aus. Und fühle mich bald wie ein knackiger Kopfsalat im Morgentau. Tausche Gummistiefel gegen Flip Flop und spaziere Richtung Ortsmitte.

Hotels am Deich für Jung und Alt

Bei der Hotelsuche kommt die zweite Überraschung. Unter Nordsee hatte ich Kurhäuser und Spaßbäder, Betonsünden der echziger Jahre abgespeichert. Außerdem: gutbürgerliche Gästehäuser mit Namen wie „Hein und Sigrid“ oder „Pension am Deich“, vergilbte Gardinen an den Fenstern und Terrassen, wo sich Gäste mit Regenjacken auf weißen Plastikstühlen beim Kännchen Filterkaffee auf ihren Spaziergang durch Sturm und Nieselregen freuen. Abgesehen vom Wetter stimmt auch der Rest nur zum Teil.

Ich checke im Beachhotel ein, direkt am Deich. Die sehr jungen Leute an der Rezeption sehen aus als kämen sie gerade vom Surfen. Gut drauf sind sie und duzen mich unbekümmert. Der Hoteldirektor kommt vorbei und wird „Hey, Marco, alles klar?“ auch geduzt. An den Wänden hängen Surfbretter und gerahmte Flip-Flop. Ich luge um die Ecke ins Restaurant. Es ist teilweise mit Sand ausgelegt, sehr zur Freude der Kinder, die auf Schatzsuche gehen und buddeln während die Eltern am Tisch auf die Bestellung warten. Auf dem Parkplatz gibt es Stellplätze für Bullis mit Strom- und Wasseranschluß. Duschen im Haus. Für das kleine Budget.

Beachhotel, Übernachtung im Bulli

das Bulli-Zimmer im Beachhotel

Es gibt keineswegs nur junge Gäste hier. Alle Altersklassen sind vertreten. An meinem Nebentisch sitzen drei Rentner aus dem Ruhrpott, mit dem erwachsenen Enkel, der offenbar die Location ausgesucht hat. Als er kurz mit dem Hund verschwindet kommt Bewegung in die schweigsame Runde.

Dialog im Café

Frau: schön die Zimmer, wat Heinz-Ernst?

Mann: (grummel) Joah. Aber nich mal n Sessel!

Andere Frau: doch, da ist doch so ein Sack.

Mann: ?

Andere Frau: dat is ein Sitzsack, Heinz-Ernst!

Mann: Joh. Aber kein Sessel.

Frau: dat is ja auch kein Hotel, dat is doch ein BeachMotel.

Andere Frau: In meinem Zimmer gibt’s kein Licht.

Frau: da musst du den Schlüssel in den Schlitz stecken. Neben der Tür.

Andere Frau: Wie, da passt doch kein Schlüssel rein.

Frau: Hedi, die Schlüsselkarte muss da rein.

Andere Frau: Ach so.

SPO wird immer jünger

Ich find’s gut mit dem gemischten Publikum, den Sportlern, den Kiddis, den Hippen und den Rentnern drinnen und draußen. Der Altersdurchschnitt der Gäste in Sankt Peter Ording ist von 2013 bis 2015 um ein Lebensjahr auf 52 Jahre gesunken. Das ist eine Verjüngung von der beispielsweise der WDR nur träumen kann. Fast 2,3 Millionen Übernachtungen im letzten Jahr haben sich auf das ganze Jahre verteilt, mit deutlichen Zuwächsen in der Nebensaison. Die Leute finden es hier eben auch im Winter schön. Trotz – oder wegen des Wetters.

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So ein Strand gibt es nur in SPO

„Ich geh dann mal eben ans Meer “….denke ich, klettere auf den Deich, und – statt Wasser, endloser Sand am endlosen Strand. Zwei Kilometer breit und zwölf Kilometer lang. Ich bin echt überwältigt, hatte keine Ahnung, dass es in Deutschland einen Ort gibt, der den Blick so weit und frei schweifen lässt. Unterbrochen wird er nur von 1200 Strandkörben. Und 4000 Holzpfählen. Nachgezählt habe ich aber nicht.

Später dann die bunten Segel der Kiter wie Farbtupfer im Himmel. Ab und zu ein Fischerboot mit Vogelschwarm am Horizont. Die Ebbe hat Priele gebildet, kleine Seen mit ruhigem Wasser. Dort tummeln sich die SUP-ler. Sie stehen auf ihren großen Surfbrettern und bewegen sich mit einem Stechpaddel fort. Warum setzten die sich nicht, frage ich mich. Wegen der schönen Aussicht? Das soll Sport sein?

Hein von der Sportstation in SPO

Hein von der Sportstation in SPO

Hein von der Wassersportschule, muskulös und durchtrainiert, Rastalocken, strahlend blaue Augen, erzählt mir von seinen Muskelkatern als er mit SUP angefangen hat. Besonders an Füssen und Waden, Rumpf und Schulterbereich. Gleichgewicht halten geht auf die kleine Tiefenmuskulatur. „Ein höchst effektives Ganzkörpertraining“, zwinkert Hein. STimmt, Hein! Am nächsten Tag habe ich Muskelkater an Stellen von denen ich gar nicht wußte dass da Muskeln sind. Wieder was gelernt, danke Nordsee!

Und sie ist wirklich so gesund wie meine Oma immer sagte.

Deshalb komme ich wieder. Dann geht es auf die Ofis, die Ostfriesischen Inseln. YEAH!

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