Pachamama

Wer die Kultur der Aymara und Quechua, aber auch vieler anderer Indigenen in Südamerika verstehen will, sollte das Konzept von Pacha, von Raum und Zeit kennen. Die Menschen nehmen an, dass ein Prinzip von Gleichgewicht alle Sphären des Universums durchdringt und das Wesen der Natur und der menschlichten Gesellschaft ausmacht. So werden auch Raum und Zeit als eine Einheit vorgestellt, wobei man 3 Sphären unterscheidet:

  • Manghapacha, die untere oder innere Welt mit dem zeitlichen Aspekt der Vergangenheit,
  • Alaxpacha, die obere Welt, steht für Zukunft
  • Akapacha, die hiesige Welt und Gegenwart

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Das Leben ist rund, nicht geradeaus

Pacha ist immer zyklisch, d.h. diese 3 Bereiche kehren sich im Pachacuti um.

Ein Aymara Indianer zeigt hinter sich wenn er vom nächsten Tag, also der Zukunft spricht.

Der nächste Tag heißt Quipa uru. Quipa heißt aber auch hinten oder hinter dem Rücken. Umgekehrt bezeichnet nayruru einen vergangenen Tag, wobei nayra auch alt oder vorne heißt. Für uns mag das unlogisch erscheinen. Aber die Aymara verstehen die Vergangenheit als vor-sich-liegend, denn sie ist ja einsehbar und bekannt. Die Zukunft hingegen ist hinter-sich-liegend, denn wir kennen sie nicht, wir können sie nicht sehen. Für Aymara und Quechua ist das völlig stimmig, denn was vor mir liegt, wird irgendwann hinter mir liegen und umgekehrt. Das Leben ist für sie zyklisch, und eben nicht linear.

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Die Zukunft wird als „hinter-sich-liegend“ verstanden, die Vergangenheit „vor-sich-liegend“

Pachamama, Mutter Erde, schützend oder strafend

Pachamama, Mutter Erde, vereinigt dieses Konzept in sich. Man kann sich das bildlich mit Hilfe einer wachsenden Pflanze vorstellen. Während der Samen oder die Wurzeln im Manqhapacha liegen, strebt die daraus wachsende Pflanze ins Alaxpacha, die obere Welt.

Pachamama ist die wichtigste Gottheit im Glauben der Indianer. Sie beschützt und nährt den Menschen. Sie ist allmächtig und allgegenwärtig, sie verbindet die obere mit der unteren Welt, sie steht für das Hier und Jetzt. Aber Pachamama verfügt im Glauben der Indigenen auch über menschliche Bedürfnisse und Eigenschaften. Sie kann hören und sehen, kann hungrig und durstig sein. Ihre Lieblingsspeise ist Coca, ihr Lieblingsgetränk Alkohol. Deshalb dürfen diese beiden Zutaten bei keiner Opfergabe fehlen.

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Coca, die Lieblingsspeise von Mutter Erde

Pachamama wird als gütig und großzügig vorgestellt, eben wie eine Mutter. Aber sie kann auch grausam und strafend sein wenn es ihr an Zuwendung, Respekt und Dank fehlt. Sie ist zuständig für gute Ernten und Fruchtbarkeit, kann aber auch  schadenstiftende Wesen aktivieren oder zurück halten.

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Ich habe viel über und mit den Aymara gelernt. Dafür werde ich immer dankbar sein

Wenn Mutter Erde Hunger hat

Deshalb wird Pachamama auch im Alltag viel Aufmerksamkeit geschenkt. Beim Coca kauen werden die ersten drei Blätter Pachamama geopfert. „Para Pachamama“ heißt es auch wenn vor dem Trinken ein paar Tropfen auf die Erde gesprenkelt werden. Pachamama ist allgegenwärtig. Am 1. August feiern Aymara und Quechua den Tag der Pachamama. Es ist einer der wichtigsten Feiertage im Kalender . „Esta boca abierta“ sagen sie. Mutter Erde hat Hunger. Im August ist tiefster Winter in den Anden. Die Erde ist vertrocknet und zum Teil gefroren. Die Ernte ist vorbei, für die Aussaat ist es noch zu früh. Das ist die Zeit wo auf dem Land Opferrituale für Mutter Erde statt finden, damit sie den Menschen wohl gesonnen bleibt.

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Eine Sicuriada zu Ehren von Pachamama in Copacabana am Titicacasee

In der Stadt ist Pachamama in Strassen, Fußböden und Häuserwänden

Auch in der Stadt ist der Glaube an Pachamama nach wie vor lebendig. Asphaltierte Strassen, Wege, Fußböden und die Wände der Häuser verkörpern hier Mutter Erde. Kleine Rituale im Alltag sollen dazu beitragen dass es der Familie auch in der Stadt nie an Lebensmitteln fehlt und sie unter dem Schutz von Pachamama steht.

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Bei allem Sinn für Innovation, die Pazenos halten an Tradition und Glauben fest.

Es ist also gar nicht verwunderlich dass der internationale Tag der Mutter Erde 2009 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen ausgerufen wurde – weil der bolivianische Präsident Evo Morales, ein Aymara Indianer aus dem Hochland, es vorgeschlagen hatte.

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