Operation Matterhorn. Wie bitte?

Rein sprachlich betrachtet klingt an, dass weltweit gerade entweder eine kriegerische Auseinandersetzung, eine tödliche Gefahr, eine Ökokatastrophe, zumindest aber eine unberechenbares bedrohliches Ereignis stattfindet. Nüchtern betrachtet dreht sich die Berichterstattung darum, dass die Touristen nicht planmässig zurück fliegen können oder eben nicht planmäßig in Urlaub fliegen können.

Als ich die Nachricht von der Thomas-Cook Pleite las war mein erster Gedanke: oh je, die haben eine Menge Mitarbeiter. Menschen, die jetzt von einem Tag auf den anderen  arbeitslos werden. Ich sehe Arbeitsvermittler, die hilflos mit den Achseln zucken, Weihnachtsbäume ohne Geschenke und Kinder, die vom Fußballclub abgemeldet werden. Als hätten die Engländer nicht schon genug Gram mit ihrem Brexit. Aber es betrifft ja auch nicht nur die Engländer.

Weltweit hat das Unternehmen 21.000 Mitarbeiter, die ihren Job verlieren. Das sind viele. Und da reden wir noch nicht von dem touristischen Rattenschwanz der hinten dran hängt: Hotels in der ganzen Welt, die ihre Zimmer auf Monate für den großen Reiseveranstalter geblockt haben, die oft völlig abhängig sind von diesem einen großen Touristikkonzern. Kommen die Gäste nicht, bleiben die Zimmer leer und die Gesichter sind lang bei denen, die vom Tourismus leben, drüben an den Stränden der Welt: die Kellner, die Animateure, die Zimmermädchen, die Köche, die Strandwärter, die Busfahrer. Das wäre ja schon mal ein paar Zeilen wert.

Was liest man statt dessen? Schlagzeilen wie diese: „Über 150.000 Briten gestrandet“ Liest sich fast so dramatisch wie: „150.000 Wale gestrandet“, wobei der ein oder andere Brite  am Strand durchaus mit einem gestrandeten Rot-Wal verwechselt werden kann. Weltweit sollen es 600.000 sein. Es fällt schwer, sich so viele Pauschaltouristen auf einmal vorzustellen. In der Nebensaison. Von der „größte Rückholaktion in Friedenszeiten“ ist die Rede und von „Rettungsaktionen“, und schliesslich von der – Achtung, festhalten! –  „Operation Matterhorn“.

Nun darf gerätselt werden: was hat das schöne Matterhorn in der Schweiz mit dem dunklen Debakel in Großbritanien zu tun? Man weiß es nicht. Manche munkeln, Thomas Cook sei ein Fan der schweizer Berge gewesen und habe den Tourismus dorthin gebracht. Eine Art Nachruf also? Fest steht: Unter dem Decknamen Operation Matterhorn bombardierten im Jahre 1944 mehrere US Bomber-Flugzeuge in einem grossangelegten militärischen Schlag japanische Militär-Stützpunkte in Indien, Japan und China. Bäm. Die friedlichen Schweizer finden das gar nicht lustig.

Rein sprachlich betrachtet klingt an, dass weltweit gerade entweder eine kriegerische Auseinandersetzung, eine tödliche Gefahr, eine Ökokatastrophe, zumindest aber eine unberechenbares bedrohliches Ereignis stattfindet. Nüchtern betrachtet dreht sich die Berichterstattung darum, dass die Touristen nicht planmässig zurück fliegen können oder eben nicht planmäßig in Urlaub fliegen können. Das mag schlimm sein für Menschen die ihren Job hassen, die sich von Wochenende zu Wochenende quälen und eigentlich nur auf den Urlaub hinarbeiten. Das verstehe ich. Aber trotzdem: lasst mal die Kirche im Dorf.

Mir fällt zu dieser Geschichte dreierlei ein:

1. Wir finden es offenbar selbstverständlicher einen Touristen zu retten – dem wohlgemerkt nur die Annulierung seines planmäßigen Rückfluges passiert ist, den er, by the way, in aller Regel erstattet bekommt-  als Migranten, die zu Zehntausenden im Mittelmeer ertrinken. Warum nicht mal Flugzeuge nach Damaskus, Bagdad oder Tripolis schicken, um Menschen zu retten, die wirklich in Not sind?

2. Niemand, aber wirklich niemand regt sich im Brexitland darüber auf, dass Millionen von Steuergeldern dafür eingesetzt werden, diese Thomas-Cook-und-Co-Touristen nach Hause zurück zu bringen. Und das, obwohl die meisten dieser Schnäppchenjäger es wahrscheinlich problemlos wuppen könnten, den Rückflug selbst zu bezahlen. Ganz gewiß würde niemand deswegen verhungern.

3. Während der Waldbrände im Amazonas starben allein in Bolivien 2,3 Millionen Tiere. Fachleute sagen, dass es 200 Jahre dauern wird, bis der Wald seine ökologischen Funktionen wieder ausüben kann – und vielleicht wird Flora und Fauna nie wieder so werden wie früher. Ganze indigene Völker sind dazu verdammt ihre Umgebung zu verlassen, in die Städte zu ziehen. Der Urwald ist verloren. Flugzeuge zur Rettung? 1. EINS!

Nicht nur in England, auch in Deutschland werden fast 400 Millionen Euro Steuergelder aufgebracht, um die angeknackste Condor vorübergehend am Leben zu halten. Ein Aufreger wert? Nix da. Wie die FAZ richtig bemerkt: Wer Condor über den Winter hilft, kann strauchelnden Autozulieferern den Frühlingskredit kaum verwehren. Das könnte Schule machen.

So weit zur „Rettung“ der gestrauchelten Urlauber. Aber wehe das Steuersäckel wird geöffnet wenn es um die Rettung von Menschen geht, die wirklich in Not sind. In Syrien, Lybien, im Jemen. Ich meine wirklich in Not. Aber auch alle anderen die Hilfe brauchen: arme Rentner, chronisch Kranke, Alleinerziehende. Eben all die, die von einem Pauschalurlaub nur träumen können.

Sieht so aus, als sei uns das Gefühl für Verhältnismäßigkeit komplett abhanden gekommen.

Ein Gedanke zu „Operation Matterhorn. Wie bitte?

  1. Daniel von Studi's Reisen

    Als Schweizer habe ich mich als erstes auch über den Namen der Rückholaktion gewundert. Dass der Statt die Rückholung organisiert, finde ich nicht ganz falsch. Würden all diese Touristen selbst versuchen die neuen Flüge zu organisieren, bräche wohl ein völliges Chaos aus. Ob der Staat für dei Kosten aufkommt, ist dann ein anderes Thema.

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